Neues aus der Römerforschung am Odenwaldlimes

- IGO - Interessengemeinschaft Odenwald bietet interessante Veranstaltungen an
Spannende Exkursion am Limes
Zu einem wissenschaftlichen Kolloquium mit Exkursion hatte die IGO im März 2010 eingeladen. Erwartet hatte man 200 Teilnehmer, gekommen sind 400. Dieses einmalige Ereignis versammelte alle Römerbegeisterten, Archäologen, Historiker und Autoren in der Odenwaldhalle in Michelstadt.
Der Limes, die römische Grenzanlage, bildete im 2. Jh n.Chr. mit etwa 80 km Länge, elf Kastellen und über 80 Wachtposten für eine Zeit von ca. 50 Jahren die äußere Grenze des Römischen Reiches. Lange war die Anlage vergessen, erstmalig holte Graf Franz I zu Erbach-Erbach im 18. Jahrhundert mit ersten systematischen Untersuchungen die Spuren der alten Grenze ans Licht. Die Reichs-Limeskommission übernahm seine ERkenntnisse und seit 1960 finden zunehmend Ausgrabungen statt. In den letzten Jahren wandte man sich der zerstörungsfreien geophysikalischen Untersuchung zu, bei der die Erdschätze nicht ergraben werden, sondern mittels Bodenradar und Laser erfaßt werden. So sind sie zum einen vor Zerstörung durch Erosion und zum anderen durch Diebstahl durch Plünderer geschützt.
Diebstahl, Plünderung aber auch Ausgrabung vernichtet historische Zeugen
Das Limeskastell bei Lützelbach wurde im vergangenen Jahrhundert von einem schlauen Bauern Stein für Stein abgebrochen und verkauft, und Archäologen sind heute in den Scheunen der Umgebung auf der Suche nach dem römischen Baumaterial. Erst kürzlich wurde an diesem Kastell wieder von Plünderern ein Stück Mauer ausgegraben. Nur ein Winter wie der von 2009/2010 genügt, um den fast 2000 Jahre alten Zement zu zersetzen, der vorher geschützt unter der Erde gelegen hatte. Mit experimentalarchäologischen Mitteln versuchte man die originalgetreue Zusammensetzung des Zementes (oper caementitium, römische Erfindung - z.B. das Pantheon ist komplett in Zementbauweise erstellt!!!) zu erzielen und reparierte die zerstörte Stelle.
3D-Laserscanning anstelle von Ausgrabungen
Über die nicht-invasiven Erkundungsmethoden der modernen Archäologie informierte Dr. Holger Göldner. Bereits seit einigen Jahrzehnten gibt es die Lufterkundung mit Flugzeugen, vorzugsweise im Spätwinter, wenn kein Schnee mehr liegt, aber die Bäume noch kahl sind. Dann lassen sich aus größerer Höhe deutlich die Umrisse von Bauwerken oder der Verlauf der Limesstrecke erkennen. Im Erdreich sorgen verschüttete Bauwerke auch nach Jahrhunderten noch für eine andere Zusammensetzung der Erde, die eine sichtbar unterscheidbare Vegetation zur Folge hat, an Stellen alter Mauern wächst das Gras oder die Frucht entweder deutlich kräftiger oder auch schwächer.
Heute kann man mittels LidAR-Scan ((Light Detecting And Ranging Scanner) die bekannten Flächen sehr genau abtasten und in 3D darstellen. Eine Höhengenauigkeit der Darstellung von +/- 15cm kann so erzielt werden.
Ein spannender Blick in die Geschichte: neueste Forschungsergebnisse
Beim Kolloquium waren die Landesarchäologen von Hessen (Dr. Holger Göldner), Baden-Württemberg (Prof. Dr. Dieter Planck, Dr. Stefan Bender und Dr. Britta Rabold) und Bayern (Dr. Sebastian Sommer) mit - spannenden Vorträgen zugegen, Professor Egon Schallmayer, Prof. Dr. Dietwulf Baatz - beide Koryphäen auf dem Gebiet der Römerforschung und Autoren der grundlegenden Standardwerke zum Limes und den Römern in Germanien, der Vorsitzende der Deutschen Limeskommission, der Limesmuseumsleiter von Osterburken, Dr. Jörg Scheuerbrandt, der Architekt, der die hölzernen Limestürme in Originalbauweise aus alten Darstellungen auf Stelen und Säulen rekonstruiert hat (Siegbert Huther), der Direktor des Archäologischen Landesmuseums Baden-Württemberg a.D. - sie alle trugen die neuesten Forschungsergebnisse zum Limes vor. Über die historischen Konservierungsmethoden am Odenwaldlimes referierte Renate Schiwall M.A. mit der abschließenden Bitte, keine zerstörenden Ausgrabungen mehr vorzunehmen und bei Reparaturen und Rekonstruktionen möglichst originalgetreue Bauweise und Baustoffe zu verwenden, denn nachfolgende Generationen werden möglicherweise dadurch verwirrt werden, wenn sie im 25. Jh beispielsweise Heidelberger Zement an einem römischen Bauwerk vorfinden.
Im Anschluß an die sehr interessanten Vorträge konnte am Tag darauf alles vor Ort in Augenschein genommen werden.
Mit dem Reisebus auf dem Limeswanderweg
Unglaublich aber wahr: mit großen Reisebussen fuhr die große Gruppe direkt am Limes entlang, um an den wichtigsten Stationen in Schloßau, Hesselbach, Würzberg und Lützelbach weiteren spannenden Informationen der jeweiligen Fachleute zu lauschen.
Derzeit wird nicht nur sehr vehement am Limes geforscht, es wird auch touristisch einiges hergerichtet. Die Wachtposten WP 10/8 beim Kastell Lützelbach bis zum WP 10/38 bei Schloßau wurden besucht, und überall werden Informationstafeln, Führungen, Rekonstruktionen und weitere spannende Elemente entstehen, die Licht in das jahrhundertealte Dunkel um die Römer bringen.
Ein hölzerner Wachtturm entsteht neu
In Vielbrunn soll neben der Turmstelle WP 10/15 (die Bezeichnung bedeutet: WP = Wachtposten, 10 = Limesabschnitt 10 des Obergermanisch-Rätischen Limes ORL, 15 = die konkrete Turmstelle im Verlauf des Limesabschnittes) ein originalgetreuer hölzerner Wachtturm entstehen, der bereits im August 2010 für den Besuch geöffnet werden soll. Zur Zeit der Exkursion war gerade die Baugrube ausgehoben. Aus alten Darstellungen entwickelte der Architekt der Deutschen Limeskommission, Siegbert Huther die Baupläne für einen Holzturm. Beim Bau wird kein einziges Stück Metall Verwendung finden, alles ist nach feinster Schreinermanier verzapft mit sogenannten Schwalbenschwänzen. Aus den alten Darstellungen auf der Trajanssäule etwa einerseits und aus bautechnisch möglichen Verfahrensweisen entwickelte Huther eine Theorie, wie das Dach dieser Holztürme ausgesehen haben muß. Denn der Baustoff Holz erfordert natürlich seinen bestimmten Tribut an Gewicht und wirkenden Kräften. Daraus erklärt sich beispielsweise, daß der Dachüberstand der Holztürme so knapp bemessen war, daß die umlaufende Balustrade dem Regen ausgesetzt war. Der neu entstehende Wachtturm in Vielbrunn wird daher nicht nur für Touristen, sondern gerade auch für Fachleute aus Wissenschaft und Handwerk zu einem interessanten Ausflugsziel werden.
Und für Wanderer ist die Strecke entlang des Odenwaldlimes ein wahres Schatzkästlein.