Wie das Felsenmeer entstanden ist
Die Riesensage ... oder wie das Felsenmeer entstanden ist
Achtung liebe Koboldfreunde, es gibt auch eine geologische Erklärung, aber diese hier gefällt uns Kobolden viiieeeel besser....
Einst in längst vergangenen, sagenmächtigen Zeiten, als noch Riesen die wüsten Lande bevölkerten, hausten auch in den waldigen Gefilden des Lautertales zwei Kolosse, mächtig riesenhafte Kerle: Felshocker zur Linken und Steinbeißer zur Rechten unseres Tales, das ihre Riesenreiche voneinander trennte.
Felshocker liebte seinen Felspalast auf dem Felsberg, den er sich gemütlich mit Tischen, Baldachinen und einem geräumigen Lager aus Fels eingerichtet hatte. Er war ein prunksüchtiger fetter Riese, und alle Steine die er finden konnte, dienten ihm zur Verschönerung seines Felsenheimes, so daß der Felsberg schon nach wenigen Jahrhunderten eine kahle Kuppel war.
Steinbeißer konnte über so viel Geltungssucht nur lachen, war er doch steinreich und hatte es nicht nötig, mit prachtvollen Bauten zu prahlen. Er war der Langsamere, Bedächtigere der beiden, und zudem rappeldürr. Steinbeißer hatte es nicht eilig mit den Dingen. Er hatte unermeßlich viel Zeit - - die doch Felshocker eigentlich auch hatte - und verspürte nicht wie Felshocker alle paar Jahrtausende das Bedürfnis, Steine rücken zu müssen.
Beide Riesen waren jedoch sehr geschwätzig. Wenn des Abends die Dämmerung anhub,
dann hockten sie behaglich auf ihren Felsen und redeten übers Tal hinweg die Nacht herbei. Sie erzählten von Steinen und Tälern und von ihren Riesenreichen.
Doch einst begab sich die Zeit, da sie ausgeschwätzt hatten, des Erzählens überdrüssig wurden und Ausschau hielten nach Dingen, die ihnen über die Leere der Zeit hinweghelfen konnten. Mißmutig warf Steinbeißer Steine ins Tal und blickte ihnen nach, wie sie im Nebel verschwanden und schmatzend in den Sumpf des Tales fielen.
Klatsch, platsch
machte es, da kam Felshocker eine Idee. Denn er war der Klügere und Flinkere der beiden Riesen, und es ist überliefert, daß ihm in jenem Jahrhundert schon mehrere Dinge eingefallen waren.
“Steinbeißer“ - rief er, „Steinbeißer, ich hab ihn, ich hab ihn ... den Einfall!” Und aufgeregt sprang er auf und ab und rief: “Ich will sie töten, die Leere der Zeit. Ich will uns schaffen einen Zeitvertreib. Wir stellen aus Felsen Säulen auf, und rollen große Steine drauf. Es wird rumpeln und krachen und du wirst sehn, die Zeit wird wie im Flug vergehn.“
Die Riesen waren in vielen Dingen ein albernes Volk, die einen Spaß um des krachenden Mutwillens stets zu schätzen wußten. Doch ist es nicht an uns, sie darob zu richten, wenn ihre Tollerei auch viel Ungemach über all die Wesen im Felsenmeer brachte. Riesen sind nun einmal so. So sagte es uns der kleine Kobold Kieselbart.
Und so dauerte es nicht lange, bis die beiden die Grundzüge unseres heutigen Kegelspiels entdeckt hatten. Mit viel Freude machten sie sich an die Feinheiten des Spiels - soweit man bei Riesen von Feinheiten sprechen kann. Gleichwohl bedurfte es der Vorläufer moderner Ingenieurskunst, um die elementaren Voraussetzungen des Spiels zu schaffen.
Denn der Boden war naß und schlammig und verschluckte schmatzend alle Felskugeln,
bevor sie auf die Säulenkegel zu krachen vermochten.
Doch Felshocker war ja ein kluger Riese, und so bedurfte er nur weniger Jahre, bis ihm endlich ein weiterer Einfall kam, um der Zeit den Garaus zu machen.
“Nur Säulen und Kugeln genügen nicht, eine Brücke übers Tal muß es sein, eine Brücke aus mächtigem Fels und Gestein, fest gebaut, auf daß sie nicht zusammenbricht.“
So machten sich die Riesen emsig ans Werk - wobei unser alter grauer Kobold Kieselbart
heimlich und unerkannt seine Zauberfinger im Spiel hatte, doch das ist eine andere Geschichte.
Schon nach fünfzig Jahren war die Brücke gebaut, groß und fest, wie sie sein sollte.
Doch selbst Steinbeißer wurde die Zeit jetzt zu lang, bis er es endlich krachen lassen durfte.
Er fürchtete die Langeweile und es juckte ihm in den Fingern, die Kugeln rollen zu lassen. Längst hatte er sich eine gegriffen, warf sie in die Luft, umfaßte sie wieder, rollte sie zwischen seinen Pranken. Doch einmal war es zuviel, selbst für einen Riesen. Sorgfältig zielte Steinbeißer auf die Kegel.
“Laß es, laß es nur sein!” rief Felshocker, der immer noch grübelte und auf den nächsten Einfall wartete.
“Es ist genug, genug! Fünfzig Jahre sind genug, ich kann nicht ewig nur die Kugel halten!” schrie Steinbeißer zurück.
Und er nahm Anlauf, holte aus und schmetterte donnernd den Fels auf die Bahn.
Felshocker konnte gerade noch brüllen: “Halt ein, halt doch ein, Es ist noch nicht soweit, ein jeglich Ding braucht seine Zeit. Die Keile, die Keile, sie müssen fest verankert sein, sonst stürzt endlich alles rumpelnd und pumpelnd ein!“
Aber es war zu spät.
Grollend rollte die Kugel über die Brücke. Die ächzte und schwankte unter der Wucht des Geschosses, die Pfeiler grummelten, Brocken platzten heraus. Zuletzt hielt das kunstvolle Gewölbe nicht mehr und unter gewaltigem Getöse donnerte die ganze Kegelbahn zu Boden.
Schweigen herrschte für einen Augenblick.
Dann aber übertönte wütendes Riesengebrüll die herniederprasselnden Brückentrümmer.
“Du dummes Steingesicht, du krankes Felsenhirn, warte nur, ich knall dir jetzt was an die Stirn!” Felshocker kochte.
Er sprang auf und stampfte und rieb sich die Zähne aufeinander, daß ihm der Backenzahn platzte.
Blind vor Zorn und Schmerz tobte sein Gebrüll durchs Tal, und er rannte hinauf auf den Felsberg
und griff sich den größten Stein, den er nur finden konnte:
“Siehst du den? Elender, Ungeduldiger, was ist ein Jahr, was sind zwei? Wir haben Zeit, Zeit, Zeit, und was machst Du? Du suchst Streit!”
Und selbst der sonst so bedächtige Steinbeißer kam jetzt mächtig in Fahrt, schnaubend vor Wut.
Einen gewaltigen Felsbrocken in der Hand, wedelte und fuchtelte er und schrie:
“Was willst du Felsgesicht? Ich schlag dir die Knochen zu Brei! Du willst was erfinden, läßt ewig dir Zeit dabei. Du machst immer alles richtig, bist mächtig gescheit, doch was war das? Stümperei! Stümperei!”
Felshocker schmetterte zur Antwort den Fels auf den Hohenstein, wo Steinbeißer schnaubte.
Er traf den Gegner jedoch nicht, und der Stein schlug statt dessen mit einem mächtigen Donnerschlag direkt neben des Riesen Behausung ein. Steinbeißer kochte, Felshocker grollte.
Beide stampften, daß die Erde bebte. Alles Getier floh aus dem Tal und die Sonne verkroch sich am Horizont. Noch immer sammelten die Riesen Steine, noch immer schrieen und schnaubten sie. Und sie brüllten und schmetterten gar fürchterlich.
Sie schmetterten und brüllten noch, als die Dämmerung anhub. Blind vor Wut schleuderten sie Steine aufeinander, bis all die kleineren Brocken auf dem Felsberg und die großen auf dem Hohenstein zu liegen kamen. Und dann war nur noch das Keuchen und Ächzen der Riesen zu hören, das dumpf durch den Nebel kroch.
Steinbeißer und Felshocker waren mittlerweile beide verletzt und recht angeschlagen. Steinbeißer stöhnte, und Felshocker humpelte. Mit letzter Kraft griff der dicke Riese sich den einzigen
noch übriggebliebenen Steinklotz auf dem Felsberg, hob ihn hoch in die Luft, und schrie, daß der Nebel aufriß.
Da sah er Steinbeißer gegenüber, einen mächtigen Fels über dem Kopf gehoben. Sie starrten einander an, fiebernd, schnaubend und kochend vor Zorn. Sie standen, als wollte die Zeit nicht vergehen, bis Steinbeißer ein gewaltiges
Woooapp!!
ausstieß und seinen Brocken übers Tal schleuderte. Im gleichen Moment holte Felshocker wild brüllend aus und schmetterte seine Felsenlast hinüber zum Hohenstein.
Gleichzeitig flogen die Steine. Sie trafen sich fast in der Luft ... und diesmal verfehlten sie ihre Ziele nicht.
Dann herrschte Totenstille ... Beide Riesen lagen still – ein jeder getroffen vom Stein des anderen. Der eine unter dem mächtigen Felsbrocken des Hohensteins, den andern begrub ein letzter Felsrutsch unter den Steinen des Felsenmeers.
Frieden kehrte ein in das liebliche Tal der Lauter, und nichts erinnerte mehr an den grausamen Kampf der Riesen. Nichts, bis auf die Säule und die Brocken auf Felsenmeer und Hohenstein.
Doch wenn man genau hinhorcht, so kann man die beiden Riesen unter den Felsen schnarchen hören, und wer weiß ob sie nicht eines Tages wieder aufwachen werden ...
Aber darüber wacht Kieselbart, der uralte graubärtige Kobold, und wenn ihr still und höflich seid,
so könnt ihr ihn vielleicht einmal im Nebel zwischen den Steinen des Felsenmeeres huschen sehen ....
Die Riesensage ist zu hören auf der Hörspiel-CD „Das Tal der Riesen“, die beim Verlag zum Preis von 9,95 Euro (+4,00 Euro Versandkosten) erhältlich ist: einfach an Felsenmeerkobolde, Waldstraße 2, 64686 Lautertal schreiben oder mailen an mh@kieselbart.de.
Auf der CD hört Ihr auch die Originalstimmen von Felshocker, Steinbeißer und vom kleinen Kobold Kieselbart!