Emil der Igel

Wie es bei uns Kobolden so üblich ist, werden alle Dinge, die besonders wichtig sind, im großen Koboldrat besprochen. Der Koboldrat findet immer am ersten Abend des Vollmondes statt und beginnt pünktlich, nach dem Schlaflied für die Riesen. Dieses Schlaflied spielt immer ein Kobold auf der großen Steinorgel im Wald. Seit alters her ist es Tradition, dass sich alle Kobolde an der Koboldquelle treffen und der Rat beginnt pünktlich, wenn die letzten Töne des Schlafliedes verklungen sind. Dann sind nämlich sicherlich keine Menschen mehr im Wald unterwegs.
So tagte auch vor vielen tausend Jahren der Koboldrat. Wie üblich übernahm der Älteste der Kobolde, Kieselbart selbst, den Vorsitz und alle Waldbewohner waren anwesend. An diesem Abend sollte das Problem der kleinen Kobolde besprochen werden, die seit einiger Zeit ständig zu spät in die Schule kamen. Tomsbold, der den Unterricht leitete, war deshalb koboldmäßig sauer und polterte stimmengewaltig in der Versammlung los:
„Unmöglich“, schimpfte er, „einfach unmöglich!“ Dann folgte eine tragende Pause, in der er streng in Richtung des flachen Steines schaute, auf dem sich mit schuldiger Miene die kleinen Kobolde versammelt hatten.
„Keiner der Schüler hält sich an Zeiten, sie kommen wann sie wollen! Wieder folgte eine Pause, in der er streng in die Runde schaute. Tomsbold liebte diese Pausen, die seinen Aussagen immer viel Gewichtung verliehen.
„Gestern zum Beispiel“, fuhr er fort, „gestern kam der letzte Kobold erst, als der Kuckuck schon das Frühstück angepfiffen hatte. Das muss man sich mal vorstellen, erst da kam Enybold zum Unterricht!“ Anklagend schaute er in ihre Richtung und Enybold senkte betroffen den Blick.
"So kann ich ihnen nichts beibringen! Da fang ich ja ständig wieder von vorne an!“ Nach einem zornigen Blick auf die kleinen Kobolde wandte er seine Augen wieder Kieselbart zu, um eine sinnvolle Strafe zu fordern. Danach setzte er sich wieder auf seinen Stein in die Runde der Meisterbolde, dicht neben Kieselbart, vor die Gruppe aller anderen Waldbewohner.
Kieselbart schaute in die Runde und hielt mit seinem gütigen und weisen Blick bei den kleinen Kobolden an. Dass gerade Enybold, die er als gewissenhaft und sehr ordentlich einschätzte, zu spät kam, das wollte ihm nicht ins Geschehen passen. Da ging doch etwas nicht mit rechten Dingen zu. Er lies seinen Blick auf den kleinen Kobolden ruhen und dachte nach.
Schließlich forderte er Esabold auf, für alle kleinen Kobolde eine Erklärung abzugeben. Esabold kannte er als gerechte und neutrale Schülerin, die durchaus in der Lage war, Recht und Unrecht zu unterscheiden und die ebenfalls gewissenhaft und ordentlich ihre Arbeiten erledigte. Esabold fühlte sich sichtlich unwohl in ihrer Aufgabe. Sie rutschte nervös auf dem Hintern hin und her und überlegte, wie sie anfangen sollte. Kieselbart ließ ihr Zeit zu überlegen.
Dann fing Esabold an:“ Also, meinte sie, also das ist so, wir wissen alle, dass es nicht richtig ist, wenn wir zu spät kommen und wir beeilen uns morgens auch immer, mit unseren Arbeiten rechtzeitig vor der Schule fertig zu werden, wir wissen doch, dass wir fleißig sein müssen. Aber in der letzten Zeit, da schafft es keiner von uns seine Arbeiten rechtzeitig zu erledigen. Es gibt jetzt einfach zuviel Post, die wir noch verteilen müssen. Wir haben uns schon aufgeteilt, so dass jeder nur in einem Teil des Waldes verteilen muss, aber wir schaffen es einfach nicht mehr. Wir brauchen dafür viel mehr Zeit.“
Überrascht schauten die Kobolde alle auf die Kleinen. Was sagte Esabold da? Natürlich das war das Problem! Sie alle hatten seit einiger Zeit viel Spaß daran gefunden, sich gegenseitig Briefe zu schreiben und auch ihrer Verwandschaft in anderen Teilen des Landes Post zu schicken. Und schon immer war es üblich, dass die Kinderkobolde die Post für den Wald am Morgen einfach auf dem Weg zur Schule an alle verteilten. Bisher war das auch nie ein Problem gewesen.
Kieselbart forderte die Koblde auf, sich zu äußern und Verbesserungsmöglichkeiten zu suchen.
Itabold meldete sich als erste: “wir machen eine zentrale Verteilstelle. Jeder holt sich morgens seine Post an der Quelle ab.“ Die anderen Kobolde stimmten ihr zu, aber die Schnecken, die oben am Ohlyturm lebten, die wehrten sich entschieden dagegen: “Das geht nicht, sprach die Älteste. Da sind wir ja den ganzen Tag unterwegs, nur um nach Post zu fragen. Das ist für uns keinen Lösung. Die Spinnen, die sich auf einem Ast an der großen Buche versammelt hatten, lachten so sehr bei der Vorstellung, dass die Schnecken von jetzt ab jeden Tag das Felsenmeer rauf und runter mussten, dass sie dabei fast von ihrem Ast fielen. Sie selbst waren ja nicht betroffen, Spinnen können nämlich gar nicht schreiben und halten das Verschicken von Post für äußerst unnötig. In Wirklichkeit bekamen sie beim Versuch zu schreiben immer Knoten in ihre vielen Beine. Aber die Schnecken hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, einem Kobold einen Brief zu diktieren und freuten sich immer über Antworten von der Verwandschaft, die ihnen dann natürlich wieder ein Kobold vorlesen musste. So hatten die langsamen Schnecken einen Weg gefunden, die wichtigen und unwichtigen Dinge auszutauschen. Die meisten sahen sich nämlich nur einmal im Monat, eben während des großen Koboldrates.
Kieselbart lenkte ein, dass dies natürlich nicht geht und dass ein anderer Weg gefunden werden müsse. Er schlug deshalb vor, dass einer von den Waldbewohnern ab sofort von seinen alltäglichen Aufgaben vollkommen entbunden werden sollte, Verpflegung durch die Kobolde erhielt und als Gegenleistung die Post im ganzen Wald austragen sollte.
Als das Emil, ein junger Igel hörte, da konnte er sich kaum noch halten. Er liebte Äpfel und Apfelbrei, den die Kobolde vorzüglich zubreiten konnten. Und alleine die Vorstellung, dass er von jetzt an jeden Tag an diese Leckereien kommen sollte, versüßte ihm jede Arbeit. Also meldete er sich sofort: “Ich, rief er, Kieselbart, ich werde die Arbeit übernehmen und jeden Tag die Post austragen.“
Alle Kobold lachten, dass es weit in den großen Wald hineinschallte. „Du, ausgerechent du mit deinen krummen kurzen Beinen, willst den ganzen Wald mit Post ablaufen!“ Heinibold, der generell nicht zu den wanderlustigsten Kobolden gehörte, hielt sich seinen Bauch vor Lachen. „Wie soll das denn gehen? Da warten wir ja bis Nachts auf einen Brief!“ Heinibold machte vor lauter Lachen einen dreifachen Salto in der Luft.
„Ruhe, Ruhe!“ rief Kieselbart. Er musste eine ganze Weile warten, bis alle sich beruhigt hatten und sprach dann ganz ernst und ruhig mit Emil.
„Emil, denkst Du denn, dass du das schaffen wirst? Es ist viel Arbeit!“
Emil schaute ernsthaft in die Runde und gab sich Mühe seine Aufregung zu verbergen. „Ich werde ein Verteilsystem entwickeln. Ich werde erst die Post an verschiedene Stellen im Wald bringen und dann nach und nach verteilen. Das schaff ich schon. Meine Beine haben mich noch nie daran gehindert flink im Felsenmeer herumzurennen,“ meinte er hochmütig mit einem Seitenblick auf Heinibold. „Außerdem habe ich wie ihr alle wisst vor kurzem erst geheiratet und meine Frau kann mir helfen.“ Listig dachte Emil, dass dann seine Frau auch bei den Kobolden mitessen konnte und seine Kinder später natürlich auch usw.... Er sah rosige Zeiten auf sich und seine Familie zukommen.
Kieselbart dachte nach. „Nun“ meinte er, „wenn Emil es versuchen will, dann soll er das tun. Ich schlage vor er soll es probeweise bis zum nächsten Vollmond übernehmen. Danach können wir erneut beraten ob wir weiter so verfahren wollen.“
Kieselbart stellte seinen Vorschlag zur Abstimmung und wie immer nahmen alle seine Empfehlung an. Als aber der nächste Vollmond kam, da wollte niemand im Wald mehr einen anderen Postboten als Emil den Igel, denn er brachte flink die Post auch in die entlegensten Winkel des Felsenmeeres, und das bei Wind und Wetter. So wurde Emil vor vielen tausend Jahren der erste Postbote im Felsenmeer und alle seine Kinder und deren Kinder wiederum sind seitdem Postboten der Waldbewohner. (Urisula)